Mittwoch, 21. Dezember 2016

"Die Nacht ist vorgedrungen" - Weltdunkel und Adventlicht

Die Tage werden kürzer, die Ereignisse schrecklicher.
Nach dem (vor)gestrigen Anschlag in Berlin habe ich auch für den Blogoezese-Adventskalender nur wenig anderes im Kopf als dies.

Dunkel scheint sich über die Welt zu legen, wenn ich ernsthaft beginne, mir vor Augen zu halten, was da geschehen sein muss und wie es Betroffenen wohl gehen mag. Ich selbst kann mir gar nicht vorstellen, was in Menschen vorgeht, die einen lieben Menschen dort sterben sehen mussten oder in den ersten Stunden des heutigen Tages verloren haben.
"Seelendunkel" wird es in vielen Fällen wohl treffen, wenn Fassungslosigkeit, Resignation, Trauer, Wut, Leere und Angst inbegriffen werden sollen.

Dem heutigen kürzesten und dunkelsten Tag des Jahres steht diese Licht-Dunkel-Rede vielleicht auch besser als viele andere Gedanken.

Mir tritt dazu mit Jochen Klepper jener Adventsdichter vor Augen, der, geboren als evangelischer Pastorensohn und verheiratet mit einer protestantischen "Jüdin", eines der schönsten Adventslieder geschrieben hat.
Zuletzt wurde sein Leben vom Dunkel so sehr übermannt, dass er sich angesichts der drohenden Deportation seiner Familie im Advent 1942 das Leben nahm.

Licht im Dunkel. Museumsinsel, Berlin, 2016.
Am 18. Dezember 1937 schrieb er sein wohl bekanntestes Lied.
Die politische Stimmung lag am Boden und in diesen Tagen scheint der Himmel in Berlin ähnlich gewesen zu sein wie bei uns: "Den ganzen Tag wird es nicht hell. ... Ein grauer Tag, der sich mit wachsender Dämmerung erfüllte!"1 schreibt er am 17. Dezember. Doch am 18. ändert sich seine Stimmung: "Erst um Mittag begann die fahle Wintersonne zu leuchten. Der Untergang war feierlich und groß. In der Dämmerung standen dann die Laternen wie stille Fackeln am Saume der Gärten. Die klaren schwarzen Äste über der Decke des Schnees sind so friedevoll ... Ich schrieb am Nachmittag ein zweites Weihnachtslied: "Die Nacht ist vorgedrungen ..."2

Dieses auch in katholischen Kreisen bekannte, hoffnungsschwangere Adventslied singt von der Hoffnung auf einen neuen Tag, von der Erwartung der Wende vom Dunkel zum Licht und fügt sich auf diese Weise in unsere politische Stimmung und kalendarisches Tagesgeschehen ein:

"Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein."

Denn "die Nacht ist schon im Schwinden", die Adventslichter (und auch die Lichter der Weihnachtsmärkte) werden nicht dunkler, sondern heller strahlen.
Und das, trotzdem wir realistisch sein müssen und das Dunkel nicht einfach fortzaubern können - Dunkel wird bleiben. Doch christlich können wir die Welt im adventlichen Licht des kommend-gekommenen Gotteskindes sehen, Weihnachten strahlt schon durch das Dunkel:

"Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her
."

Beten wir für jene, deren Leben überschattet wird von Unglück und Leid.
Für jene, die ihr Leben durch Terror und Gewalt verloren.
Für die von schrecklichem Verlust Heimgesuchten.
Gott, lass sie nicht ins Dunkel fallen, sondern beglänze sie mit deinem Licht.

Herrnhuter Stern vor Plastikfenster. Berlin, 2015.

1   J. Klepper, Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942. München 1983, 530.531.

2   Ebd., 531.