Samstag, 20. Mai 2017

Ein Anwalt voller Nähe – Predigt zum Sonntagsevangelium Joh 14,15-21

Der sich durchziehende Grundton vieler biblischer Texte, die zwischen Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten gelesen werden, entspricht dem, was wir an diesem Sonntag im Johannesevangelium (Joh 14,15-21) hören: Gott ist bei uns, auch wenn wir ihn nicht sehen oder erfahren können.

Die Jünger Jesu hatten nach seinem grausamen Tod ganz persönliche Erfahrungen der Auferstehung Jesu, die ihnen zeigten, dass er lebt.
Als sich die junge Kirche einige Jahrzehnte später fragte, was denn angesichts des Ausbleibens solch exorbitanter Erfahrungen nun werden solle, entwickelte sich bei Lukas und Johannes, aber auch bei Paulus die Überzeugung, dass Gott ihnen fortan in anderer Weise nahe sein wollte als durch den leibhaftig-menschlichen Wanderprediger Jesus und auch anders als durch übernatürliche Erscheinungen des Auferstandenen.
Denn dass Gott bei den Menschen sein will, erschien ihnen klar, darauf vertrauten sie. Nur auf welche Weise würde er es sein?

Halt finden.
Holz im Unterholz bei Naurod, 2017.
Und da lesen wir nun im heutigen Evangelium dass Jesus seinen Jüngern verspricht, er werde ihnen "einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll." (v16)
Zwei Gedanken zu diesem verheißenen Beistand.

1 Der Anwalt
Im Gefängnis ist zunächst einmal glasklar, dass der Anwalt eine Menge Geld gekostet hat und eventuell noch kosten wird, und dass er ständig mit vielen Schriftsätzen Klärungen im Sinne des Angeklagten – und später in Haft selbst, des Inhaftierten – verfassen, einreichen und vorantreiben soll. Ob er das in der angemessenen und für den Mandanten richtigen Weise tut oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.
Hier, in der Bibel, ist mit dem "Beistand" – im griechischen Original "parakletos", in der lateinischen Vulgata "advocatus" – der Heilige Geist gemeint. Die lateinische Übersetzung zeigt schon, in welche Richtung gedacht werden kann: Gottes Geist, seine Gegenwart unter den Menschen, ist ein Beistand auch gegen Verurteilung und ein Schutz bei Anklage. Gott selbst ist unser Anwalt!
Das dreht die in manchen Köpfen immer noch verankerte Vorstellung eines anklagenden Gottes vom Kopf auf die Füße. Es ist nicht Gott, der anklagt, dass wir dies oder das nicht schaffen würden! Sondern Gott steht hinter uns und hält uns den Rücken frei, damit wir unser Leben nach ihm ausrichten können, unsere Anliegen vor ihn tragen und allen Menschen "Rede und Antwort" stehen können, wie es die Lesung aus dem 1. Petrusbrief formuliert (1Petr 3,15).
Das bedeutet:
Wir müssen nach christlicher Vorstellung nicht selbst krampfhaft zu beten versuchen, wenn unser Herz leer ist – sondern der Geist nimt sich "unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können." (Röm 8,26) Ein schöner Gedanke des Paulus: wenn wir vor Gott – hilflos, traurig, erleichtert... – seufzen, dann betet Gottes Geist selbst in uns.
Und wenn wir angefragt werden, was denn dieser Glaube an einen Gott über uns und mit uns solle, dieser Glaube an Leben über den Tod hinaus und an den Triumph des Guten über die Schlechtigkeit der Welt – dann wird uns der Geist selbst an der Hand nehmen und zeigen, wie wir darauf antworten können – in der Art und Weise sicher "bescheiden und ehrfürchtig" (1Petr 3,16), im Inhalt als befreite Zeugen der Liebe Gottes.1 – Walter Kasper schreibt dazu: "Am meisten bewährt sich die vom Geist geschenkte Freiheit in der sich verströmenden Liebe in der Situation der Verfolgung und des Leidens. Im Aushalten von Verfolgung und im geduldigen Ertragen des Leidens kommt die innere Unabhängigkeit gegenüber den von außen andrängenden Mächten und Gewalten zu ihrer höchsten Vollendung."2

Sicher, uns gelingt es noch nicht einmal immer zu seufzen oder ein passendes Wort über den Grund unserer Hoffnung über die Lippen zu bekommen.
Aber der göttliche Geist ist eben auch ein Anwalt, den wir einlassen müssen in unser Herz. Wenn wir einen Gott verkünden, der Liebe ist, dann müssen wir auch Liebe zulassen – und das bedeutet Verletzlichkeit und Gefährdetsein.

Ich selbst merke das in vielerlei Gesprächen, dass ich den spontanen Impuls habe, so oder so zu reagieren, zornig oder aufgeregt. Manchmal hilft es dann, innerlich einen Schritt zurück zu treten, einen Augenblick zu warten und Gott noch einmal zu fragen: Gott, was willst Du, das ich jetzt sage? Was hilft der Person mir gegenüber im Augenblick?
Im Haftalltag dürften genügend Situationen auftauchen, die solche deeskalierenden Momente gebrauchen können. 

Abstrakte Form 1.
Grünheide, 2017.
Wenn Jesus uns also einen Beistand, einen Anwalt, einen Unterstützer verspricht, dann heißt das vor allem: Gott steht auf unserer Seite. 
Das kann man gar nicht oft genug wiederholen in einer Zeit von Niedergeschlagenheit und Leere und Hoffnungslosigkeit: Gott steht auf unserer Seite.
Das bedeutet: wir sind nicht immer nur die Opfer, die von anderen gepiesackt und untergebuttert werden. Aber wir müssen auch nicht immer die Täter böser Taten bleiben: was auch immer wir angestellt haben in unserem Leben – Gott steht auf unserer Seite.
Aber, und das gehört dazu: wir müssen uns auch auf unsere Seite stellen. Wenn wir uns beständig von Gott abwenden und die Liebe, die er uns und allen Menschen entgegenbringt, ablehnen, dann nehmen wir letztlich seine Verteidigerrolle nicht an, dann geben wir Ärger und Hass mehr Kraft als der Liebe.
Gott steht auf unserer Seite – stehen wir auch dort!

2 Der Gottbringer
Ein etwas geheimnisvoller Satz steht fast am Ende des heutigen Evangelienabschnitts: "Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch." (v20)
Auch das hat etwas mit dem Heiligen Geist zu tun. Er ist es, durch den wir in Gott sein können und Gott in uns. Walter Kasper schreibt darum über den Geist:
"Er ist überall dort am Werk, wo Menschen die Freundschaft mit Gott suchen und finden. Das liebende Einswerden mit Gott ist uns ja erst durch den Heiligen Geist möglich. Durch den Geist sind wir in Gott und Gott in uns. Durch ihn sind wir Freunde, Söhne und Töchter Gottes, die weil von innen getrieben, Gott nicht als Knechte, sondern als Freie dienen und die durch diese Gottesfreundschaft mit Freude und Trost erfüllt werden."3

Gott ist nicht mehr nur der ganz Andere, nicht mehr nur der Ferne, nicht mehr nur der Über-alles-Große – sondern eben auch Gott in uns.
Jesus verspricht uns die größtmögliche Nähe Gottes. In ihm zu sein und ihn in sich zu haben, das ist etwas, das wir weder wirklich verstehen, noch auch oft erfahren können.

Abstrakte Form 2.
Grünheide, 2017
Aber es ist die Wirklichkeit eines Gottes, der nicht in einer binären Logik von entweder-oder, von hier-oder-dort, von das Eine oder das Andere gefangen ist. Gott ist nicht irgendein Gegenstand oder eine Person, die wir genau an diesem Ort dort oder in jener Zeit lokalisieren und einkästeln könnten. 
Vielmehr will er dort sein, wo wir sind – das hat er in Jesus begonnen, als Mensch unter Menschen.
Im Geist vollendet will er diese Gegenwart vollenden und nicht mehr nur in dem einen Menschen sein, sondern in allen.

Zusammenfassend: 
Seufzen! 
Abwarten und Gott fragen! 
Vertrauen, dass etwas kommt!
Gott steht auf unserer Seite – stehen wir auch dort! 
Gott will in uns sein – öffnen wir uns dafür!

1   Eine ähnliche Aussage finden wir im Lukasevangelium mit dem Hinweis Jesu im Falle der Verfolgung und des Stehens vor einem Richter: "Nehmt euch fest vor, nicht im voraus für eure Verteidigung zu sorgen; denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, sodass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können." (Lk 21,14f) Auch wenn es sich ein wenig so anhört: ich glaube nicht, dass das dann knallharte Worte sein werden, die wie aus der Pistole geschossen den Anderen fertig machen. Warum sie nichts dagegen sagen können? - Weil die Worte, die er eingibt, Worte voll entwaffnend ehrlicher Liebe sind.
2   W. Kasper, Der Gott Jesu Christi. 3. Aufl. Mainz 1995, 280.
3   Ebd.