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Mittwoch, 18. April 2018

Neues von Tieren und Menschen und Gott. Texte von J.M. Coetzee und Monika Maron

Menschen und Tiere haben mehr gemeinsam, als viele von uns, besonders von uns Fleischessern, wahrhaben wollen.
Zugleich sind sie nach christlicher Überlieferung stark voneinander unterschieden, ist der Mensch bestimmt, über das Reich der Tiere und Pflanzen zu herrschen (vgl. Gen 1,26.28).
Diese beiden Meinungen müssen sich nicht ausschließen. Aber Menschen, die eine dieser Meinungen vertreten, neigen dazu, die Unhaltbarkeit der je anderen Meinung zu betonen. Oder sie wenigstens nicht mehr hören zu müssen.
Hinter diesen Meinungen verbirgt sich auch die umfassendere Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt, nach seiner Würde und seiner Aufgabe.

Zwei aktuelle Romane bieten für beide Meinungen prägnante Texte an.

Donnerstag, 12. April 2018

Kriegsgefahr – Und ein Satz von Monika Maron

Überall wird davon gesprochen, dass die USA unter ihrem Präsidenten Donald Trump demnächst in einen Krieg stolpern würde. Erst die Kriegsrhetorik gegenüber Nordkorea, dann die Provokationen in Richtung des Iran wegen des angeblich unzureichenden Atomabkommens und nun die Ankündigung eines Angriffs gegen das syrische Regime mit seinem Unterstützer Russland.

Wenngleich ich die ständigen Drohungen und Kraftmeiereien unsäglich finde, sehe ich doch auch, dass die Möglichkeiten völkerrechtlicher Beschlussfassungen auf dem Boden der UN augenscheinlich an ein Ende kommen.
Die vielgenannte "responsibility to protect" wirkt wie ein großer Luftballon, aus dem immerzu Luft abgelassen wird bis nichts mehr übrig bleibt.

Dienstag, 27. März 2018

Das Sterben spüren 5 – Sibylle Knauss' "Der Gott der letzten Tage"

Das ist das beste Buch, das ich in den letzten Monaten gelesen habe! Einfach herrlich!

Die Autorin und Theologin Sibylle Knauss lässt einen evangelischen Pfarrer sein eigenes Sterben erleben.
Zuerst ist das Erwachen. Der Pfarrer bezieht die Bausteine des biblischen Glaubens auf seine Erfahrung des langsamen Aufwachens nach der Reanimation. Ist er aus dem Tod erstanden? Ja und Nein, aber auferstanden zurück in sein Leben. Und zugleich doch nicht, denn er ist vollkommen hilf- und bewegungslos. Er liegt in irgendeinem Krankenhauszimmer, ohne Erinnerung an seinen Tod und die Rettung der Medizin. Doch noch mehr irritierende Erfahrungen werden folgen.

Donnerstag, 22. März 2018

Badewanne und Südpol. Erling Kagge trifft Ignatius von Loyola

Der Abenteurer ist naturgemäß auch ein Entdecker.
Erling Kagge, norwegischer Verleger und Südpolbezwinger, Bergsteiger und Familienvater, hat nun die Stille neu entdeckt.
In seinem kleinen Band "Stille"1 will er 33 "Wegweiser" zur Stille präsentieren.
Das tut er mithilfe sehr aktueller Beispiele aus der Welt der Smartphone-Apps oder aus seinem Familienleben, aber auch inspiriert durch seine Bergbesteigungen, Atlantiküberquerungen und Polexpeditionen. Auf diese Weise fächert Kagge ein weites Feld innerer und äußerer Stilleerfahrungen auf.

Freitag, 16. März 2018

Das Sterben spüren 4 – William Goldings "Pincher Martin"

1 Kampf im Wasser
Ein Seemann ertrinkt während des Zweiten Weltkriegs irgendwo inmitten des Atlantiks.

"Er kämpfte nach allen Seiten zugleich, Mittelpunkt eines sich windenden, um sich schlagenden Knotens, der sein eigener Körper war. Es gab kein Oben und kein Unten, nicht Licht noch Luft. Er spürte, wie sich sein Mund selbsttätig öffnete, hörte, wie das Wort im Schrei herausbrach.
'Hilfe!'

Samstag, 10. März 2018

Das Sterben spüren 3 – Mariana Lekys "Was man von hier aus sehen kann"

"Vier Stunden lang, bis der Morgen dämmerte, warf sich Selma in ihrem Bett hin und her, vier Stunden erkannte sie uns nicht und dann doch wieder, und in dem letzten Moment, in dem sie uns erkannte, nahm sie meine Hand, und ich legte meinen Finger auf ihr Handgelenk, auf ihren Puls, wie früher. Selmas Puls ging schnell, die Welt ging schnell, bevor sie gleich stillstehen würde."1

So stellt sich das Sterben von Selma, Großmutter der Ich-Erzählerin und eine der tragenden Figuren in Mariana Lekys Roman, von außen dar.
In ihrem Bett liegt sie, fiebernd, nach ihrem Sohn verlangend und umgeben von vielen Menschen, die sie lieben, dabei pendelnd zwischen anwesend und abwesend sein in der sie umgebenden Welt. So wie Leky es beschreibt, wird das Sterben wohl häufig von außen wahrgenommen.

Im Inneren der Sterbenden aber, erzählt Leky, spielt sich noch etwas ganz anderes ab.

Freitag, 23. Februar 2018

Das Sterben spüren 2 – John Williams' "Stoner"

Einer der traurigsten Romane, die ich in den letzten Jahren las, endet passenderweise mit einer langen und tiefgehenden Sterbeszene.

Der in den letzten Jahren wiederentdeckte John Williams hat mit "Stoner" die Geschichte eines überraschend aus einer bildungsfernen Bauernfamilie aufgestiegenen Literaturdozenten geschrieben.
Trotz seiner sicheren Stelle an einer Provinzhochschule ist Stoner nicht angekommen im erfüllten Leben, durch akademische Triebe ebenso wie seine unglückliche Ehe steht er eher am Rande und nimmt die Entwicklungen seiner Umwelt eher aus der Distanz wahr.
John Williams hat dafür eine eindrückliche Sprache gefunden, die in der Beschreibung des Sterbens aus Stoners eigenem Blickwinkel zu ihrem verdichteten Höhe- und Endpunkt gelangt.

Dienstag, 20. Februar 2018

Das Sterben spüren 1 – Michael Köhlmeiers "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet"

Während sich in der Natur das Leben langsam wieder zu regen beginnt, erinnert die Christenheit in den Wochen vor Ostern an das Sterben. Genauer gesagt an Jesu Sterben.
Denn die Fasten- oder Passionszeit hat mit dem Hineinspüren in das Leiden Jesu zu tun, mit dem geistlichen Mitgehen seines Sterbens. Viele Lieder, Prozessionen und Andachten, Bilder und Statuen legen durch die Frömmigkeitsgeschichte hindurch ein lebendiges Zeugnis von dem Wunsch ab, Jesu Sterben näherzukommen.

Allein, wie Jesus diesen seinen Tod innerlich verspürt hat, wir wissen es nicht. Nur die Überlieferung seiner letzten Worte, sieben an der Zahl, lässt uns verschiedenste Regungen vermuten – von Vertrauen und großherziger Vergebung über letzte Übergangsregelungen bis hin zu körperlicher Not und schierer Verzweiflung.
(Mit anderem Akzent habe ich dem hier schon einmal unter dem Thema "Gekreuzigt" nachgespürt und Andeutungen und Abwandlungen beispielsweise bei Amos Oz, Antoine de Saint-Exupèry und Batman gefunden.)

Dienstag, 6. Februar 2018

Religion als Aufbruch ins Ungewisse. Noch ein Satz von Yasmina Reza

"Dem großen Biologen Svante Pääbo zufolge unterscheiden wir uns vom Neandertaler nur durch eine winzige Modifikation auf einem bestimmten Chromosom, mehr nicht. Eine ungewöhnliche Mutation des Genoms, die angeblich den Aufbruch ins Ungewisse erlaubte, die Überquerung der Weltmeere ohne sicheres Land am Horizont, den ganzen fieberhaften Hang der Menschheit zu Forschung, Kreativität und Zerstörung. Kurz und gut, ein Verrückheitsgen."1

Samstag, 3. Februar 2018

Kranker und Freund Gottes zugleich sein. Eine Predigt im Gefängnis.

Was sind das für Leute, die heute in Deutschland noch in die Kirche gehen, beten, sich zum christlichen Glauben bekennen? Was für Leute sind das, die Gott suchen?

Das heutige Evangelium (Mk 1,29-39) gibt zwei Antworten auf die Frage, wer Gott sucht, zwei Antworten, die in sehr unterschiedliche Richtungen gehen.

1
Zu Beginn wird berichtet von den „Kranken und Besessenen“, die zu Jesus gebracht werden (v32).
Unter dieser Bezeichnung finden wohl weder wir hier Versammelten uns vollständig wieder, noch der Großteil derjenigen, die in Deutschland regelmäßig in die Kirche gehen und ihr Leben aus dem Glauben gestalten.
Vielleicht könnte man die Frage also eher so formulieren: Was suchen Menschen, die Gott suchen?
Und bei dieser Frage gibt es sicher einige Schnittpunkte mit den im Evangelium Genannten.

Freitag, 26. Januar 2018

Die Gewalt der Gefolterten. Zum Holocaustgedenken

Wenn ich an die Opfer der NS-Diktatur denke, dann in den meisten Fällen an die Überlebenden. Sie, die Zeitzeugen, die inzwischen Uralten, die Gezeichneten, die mit Überleben Beschenkten oder Gestraften, sie können sagen und zeigen, wie es war und wie es danach ist.
Das hat auch mit meinem Freiwilligendienst in der Ukraine zu tun, als ich 2001/2002 einige Überlebende in Lemberg besucht habe.

Diese Überlebenden tragen ihre Gewalterfahrungen über Jahrzehnte mit sich herum. Manche ertragen sie mit Alpträumen, andere mit Schweigen, wieder anderen hilft es, mit sehr vielen Worten zu erzählen und persönlich Zeugnis abzulegen.
Und nicht wenige reagieren auf die Gewalterfahrungen mit Härte und eigener Gewalt.

Samstag, 23. Dezember 2017

KinderStück 23 – Gottes Wickelkinder nähren

Charles Péguy ist einer jener französischen Katholiken, deren vorkonziliaren Katholizismus man heute zwar eher distanziert wahrnimmt, den ich aber immer wieder lesenswert finde. Die literarische Herangehensweise seines Großpoems "Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung" ist vergleichsweise erfrischend, der direkt angesprochene Leser wird beständig ermuntert und aufgefordert, selbst aktiv zu werden:

Freitag, 22. Dezember 2017

KinderStück 22 – "Mister Gott liebt dich innen drin"

Ein irischer Mathematiker findet ein Kind auf der Straße und schreibt ein Buch darüber – "Hallo Mister Gott, hier spricht Anna" (unrsprünglich von 1974) ist eine Hommage an das kindliche Staunen und eigenwillige Schlussfolgern. Die alltäglichen Erlebnisse von Fynn (Pseudonym des Autors) und Anna sind legendär geworden.
In einer Episode geht es um die Relationen zwischen unendlich unterschiedlichen Größen. Beim Blick durch das Mikroskop hat Anna Mikroorganismen entdeckt:

Donnerstag, 21. Dezember 2017

KinderStück 21 – Nähe suchen, Ferne suchen

Walter Benjamins berühmte Skizzen über eine bürgerliche "Kindheit in Berlin" sind prägnant eingefangene Beobachtungen und Reflexionen. Das Büchlein umfasst 37 Kurztexte, darunter auch die anderthalbseitige Miniatur "Das Karussel".
Erlebnisbeobachtung, Gefühlsbeschreibung und Bildhaftigkeit verschränken sich hier:

Dienstag, 19. Dezember 2017

KinderStück 19 – Nicht alleinlassen!

Peter Høegs Roman "Der Plan von der Abschaffung des Dunkels" handelt von traumatisierender Erziehung in staatlichen Bildungseinrichtungen. Unter dem Anspruch, niemanden zurückzulassen, werden auch stark verhaltensauffällige Kinder durch eine Schule gebracht, deren System für sie nicht gemacht ist und ihnen darum zum Alptraum wird.
In den späteren Reflexionen eines der Kinder fällt der paradigmatische Satz:

Donnerstag, 14. Dezember 2017

KinderStück 14 – Lächerlich und kindisch?

In John Williams' Roman "Augustus" wird der gleichnamige römische Kaiser aus den unterschiedlichsten Perspektiven dargestellt, Freunde wie Feinde kommen zu Wort. Am Ende steht ein Brief aus seiner eigenen (fiktiven) Feder an seinen jüdischen Freund Nikolaos, in dem der scheidende Kaiser über sein Leben und Denken reflektiert.
Auch über die Liebe schreibt er ausführlich. Unter anderem dies:

Dienstag, 12. Dezember 2017

KinderStück 12 – Früher lieben lernen

Die Zeit des Dreißigjähigen Krieges ist Schauplatz des Eulenspiegel-Romans von Daniel Kehlmann. Schlachtengetümmel, Hunger, Gewalt, Glaube an Magie und kirchlicher Stursinn pägen das Bild – und der gefühlsarme Umgang mit Kindern.
In der Kindheit des Tyll Ulenspiegel (wie der Spaßmacher im Roman heißt) denkt der Vater an seine lebenden und verstorbenen Kinder:

Sonntag, 10. Dezember 2017

KinderStück 10 - Satt vom Augenblick

In Jostein Gaarders Roman "Die Frau mit dem roten Tuch" kreist der Maildialog zweier ehemals Liebender um die Frage nach Religion, Sinn und ein Dasein über das irdische Leben hinaus.
Dem skeptisch-rationalistischen Steinn schreibt die spirituell offene Solrun:

Freitag, 8. Dezember 2017

KinderStück 8 - Hauchzart gehalten nach schwerer Geburt

Der Josephsroman von Thomas Mann bietet in vielerlei Hinsicht interessante Deutungen der Heilsgeschichte und der frühbiblischen Religiosität an.
Auch die Geburt des Josef ist ein (im Gegensatz zur biblischen Erwähnung in Gen 30,22ff) seitenlanges und mit vielerlei Andeutungen aufgeladenes Stück des Romans. Die lange auf ihre Mutterschaft wartende Rahel hat die Geburt bis kurz vor den eigenen Tod durchlitten, als Jakob kommt, um nach ihr und dem Kind zu sehen: